Deltawerk Hugo Lindner
Solingen, Gasstr. 10-14
Jochem Putsch
Das Deltawerk Hugo Lindner in Solingen


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Deltawerk Hugo Lindner. Foto: Gregori, 2015
Die Gebäude des Deltawerkes sind vollständig erhalten und werden heute von verschiedenen Gewerbetreibenden genutzt. Die Straßenfassade des einstmals neben den Firmen Henckels und Herder größten Unternehmens am Westrand des Stadtzentrums wurde von den Architekten Max und Karl Franz in Backstein gestaltet.

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Deltawerk Hugo Lindner. Foto: Gregori, 2015
Das Unternehmen hatte sich 1878 am Standort angesiedelt und war zunächst auf Reben- und Gartenscheren spezialisiert. Als Warenzeichen wurde ein von einem Dreieck umrahmtes Rebenblatt verwendet – daher der Name Deltawerk. Die Erweiterung des Sortiments um zahlreiche landwirtschaftliche Artikel – darunter Geflügel-, Raupen-, Hecken- oder Traubenscheren sowie Schafmarkierzangen, Okuliermesser oder Gartenmesser – sowie die Gewinnung Russlands und der Balkanländer als Absatzmarkt führten zu einer raschen Expansion, die sich auch in weiteren Betriebsgebäuden niederschlug. 1887 entstanden ein eigenes Hammerwerk und ein dreigeschossiges Schleifereigebäude, um die Jahrhundertwende eine Gießerei und eine neue Härterei.

Nach diesen Baumaßnahmen war die Bebauung an der Straßenfront vollständig geschlossen bzw. das Firmengelände komplett bebaut. Hugo Linder, der das Unternehmen mit mittlerweile etwa 300 Beschäftigten zusammen mit seinem Sohn Richard leitete, zeichnete sich durch einen ausgesprochenen „Herr im Haus“-Standpunkt aus, womit der deutlich aus der Riege der traditioneller Solinger Verleger-Fabrikanten ausscherte.

Seit 1906 versuchte er durch die Einführung der Lohnschleiferei die geltenden Tarifverträge zu unterlaufen und geriet dabei in einen heftigen Konflikt mit den Solinger Fachvereinen. 1909/10 kam es zu einem erbitterten fünfmonatigen Arbeitskampf, an dessen Ende die Unternehmensleitung schließlich nachgeben und die Forderungen der Arbeiterorganisationen weitgehend erfüllen musste.

Dies sollte die weitere gedeihliche Entwicklung des Unternehmens jedoch nicht verhindern. Hugo Linder, der nach dem Ersten Weltkrieg gar ein Zweigwerk für Haushaltsgeräte in München-Pasing errichtet hatte, galt als einer der reichsten Fabrikanten Solingens. Selbst Fahrräder und Motorräder wurden in den 1920er Jahren mit einer inzwischen auf über 500 Beschäftigte angewachsenen Belegschaft produziert.

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Deltawerk Hugo Lindner. Foto: Gregori, 2015
Umso härter wurde das Deltawerk von der Weltwirtschaftskrise getroffen. Schon 1928 musste Hugo Linder den Betrieb an seinen Hauptgläubiger – die Commerzbank – verkaufen. Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg die Belegschaft zunächst wieder auf 300 Personen an, wobei nun auch Achsschenkel und Schalthebel für die Automobilindustrie gefertigt wurden. Doch schon im Laufe der 1950er Jahre waren die Geschäfte rückläufig.

Nachdem das Unternehmen 1961 von der Commerzbank an den Merscheider Taschenmesserfabrikanten Richartz überging, wurde die Produktion nach und nach zurückgefahren. Die Gesenkschmiede wurde zunächst verpachtet, später stillgelegt. In den 1990er Jahren wurden die letzten Gartenscheren mit dem Deltazeichen gefertigt. Schließlich sanierte die Fa. Richartz die Betriebsgebäude um sie an kleine Handwerks- und Dienstleistungsunternehmen zu vermieten.