Aktien-Spinnerei
Aachen, Victoriastr. 72


Katharina Dehn
Die Aktien-Spinnerei in Aachen


Die Aktien-Spinnerei Hilden und Reuver

Lageplan 1903
1881 errichteten Emil Hilden und Theodor Reuver in einer ehemaligen Maschinenfabrik in der Beeckstraße eine Spinnerei mit 5 Krempeln und 8 Mulejennys.
Das Unternehmen lief gut und jedes Jahr wurden neue Maschinen aufgestellt, so dass die Räumlichkeiten in der Beeckstraße bald zu klein wurden. Die Ausdehnungsmöglichkeiten waren jedoch beschränkt. Deshalb erwarben die Firmeninhaber, zu denen 1885 Wilhelm Hilden noch hinzugekommen war, 1889 ein größeres Gelände zwischen Viktoriastraße und Charlottenstraße. Noch im gleichen Jahr wurde mit den Bauarbeiten einer neuen Fabrikanlage begonnen.
Im Jahr 1899 wurde die Firma Hilden & Reuver in eine Aktien-Gesellschaft mit einem Grundkapital von einer Million Mark unter Leitung Theodor Reuver und Wilhelm Hilden umgewandelt. Nach späterem Ausscheiden Theodor Reuvers blieb Wilhelm Hilden noch bis zu seinem Tod 1919 Vorstand des Unternehmens.

Inzwischen war durch den Kauf der Firma Philipps & Mathée die Färberei und Wollwäscherei Hammmühle bei Stolberg hinzugekommen und später noch die Bauten der angrenzenden Kunstseidenfabrik. 1922 wurde der Grundstein zu einem Spinnereineubau mit den neuesten technischen Einrichtungen in Hammmühle von über 10.000 qm gelegt. In den beiden Betrieben in Aachen und in Hammmühle waren zu der Zeit 300 Sortimente und 50 Selfaktoren mit rund 20.000 Spindeln in Betrieb bei einer Erweiterungsmöglichkeit für weitere ca. 14.000 Spindeln.

Um 1900 wurde neben den bisherigen Streichgarnen für die Weberei die Fabrikation von Trikotagengarnen aufgenommen, die dann bald zur Spezialität der Firma geworden ist. Nebenbei wurden Wollwaschen, Karbonisieren, Reißen und Färben im Lohn übernommen.

Schaubild 1926
Diese Vielseitigkeit der Fabrikation machten den Betrieb mehr oder weniger unabhängig von den Konjunkturschwankungen, so dass selbst in den schwierigsten Jahren 1923 | 24 die Arbeit in sämtlichen Betrieben aufrecht erhalten werden konnte.

Bis in den zweiten Weltkrieg hinein war die Aktien-Spinnerei in der Viktoriastraße 72 in Betrieb. Die Sheddachhallen jedoch sind dem Krieg zum Opfer gefallen. Der rückwärtige Seitenflügel wurde durch einen Bombentreffer beschädigt.
Nach Kriegsende war der Eigentümer weiterhin die Aktien-Spinnerei, sie sich nun aber vollständig in Stolberg, Hammstraße, befand.



Folgenutzungen nach 1945

1946 mietete die pharmazeutische Großhandlung Fa. Otto Geilenkirchen den zur Straße gelegenen linken Gebäudeteil, um dort im Hochparterre und im 1. Obergeschoß Büroräume einzurichten. Der anschließende Seitenflügel wurde für Lagerzwecke wieder instand gesetzt. Dazu wurde die zerstörte Betonkappendecke über dem 2. Obergeschoss ausgebessert und heruntergefallene T-Träger erneut eingebaut. Für die Instandsetzung wurden die Altmaterialien der auf dem Grundstück lagernden, zerstörten Baumassen der Aktien-Spinnerei verwendet.

Seit 1949 befand sich die Tuchfabrik Fritz Rehn im hinteren Teil des Seitenflügels.

1962 kaufte das Möbelhaus Viktoria das Grundstück der Aktien-Spinnerei und errichtete im Bereich der ehemaligen Shedhallen einen zweigeschossigen Neubau. 1965 wurde ein Aufzug in den Seitenflügel eingebaut. Da durch Abbruch des mittleren Treppenhauses die Fluchtwege zu lang wurden, musste neben dem Aufzugschacht ein neues Treppenhaus errichtet werden.

1980 wurde die ehemalige Aktien-Spinnerei unter Denkmalschutz gestellt und in die Denkmalliste eingetragen.

1987 wurden Wohngebäude und die Seitenflügel für eine Vermittlungszentrale der Telecom umgebaut mit Verstärkung der Decken und Deckendurchbrüchen.



Der Fabrikbau im Hof Viktoriastraße 72

Fabrikbau im Hof. Foto 1996
Die Fassade ist weitgehend in ihrer Form und der Aufteilung der Fenster (abgesehen von dem Dachbereich) im ursprünglichen Zustand erhalten. Das Mauerwerk konnte bis auf einige Neuverfugungen so bleiben. Einige Telleranker wurden ausgebessert und ergänzt.

Die breite Tür in der Mitte des Gebäudes wurde von innen zugemauert, da man sie nicht mehr benötigte. Es befinden sich zwei weitere, zu den Fluchttreppenhäusern führende Außentüren in der Fassade. Vor der Tür im hinteren Bereich, die sich noch an ursprünglicher Stelle befindet, sind auch noch alte Stufen vorhanden. Die Tür im vorderen Bereich befindet sich nicht mehr an ursprünglicher Stelle. Die ursprüngliche Stelle liegt direkt links daneben in der jetzigen Fensternische. Man kann jedoch noch deutlich die alten Spuren erkennen, wo die Tür gesessen haben muss. Es ist auch noch eine Stufe vorhanden mit einem darüber liegenden Loch, was darauf hinweist, dass sich dort eine Lüftungsöffnung zum Keller befand. Die alten Lüftungsschächte bzw. den ehemaligen Lüftungsgang mit der außenliegenden Kellertreppe vor der Fassade gibt es nicht mehr, statt dessen wurden neue Lüftungsschächte errichtet.

Die Metallfenster mit Blausteinfensterbänken befinden sich im ursprünglichen Zustand. Die Fenster wurden alle herausgenommen und saniert unter Erneuerung der Glasscheiben. Hinter den ursprünglichen Fenstern wurden neue Fenster eingebaut, die den heutigen bauphysikalischen Anforderungen entsprechen (Kastenfenster). Die Isolierfenster sind von innen zu öffnen. Leider hat man nicht mehr die Möglichkeit, die Metallfenster zu öffnen, obwohl die Fensterflügel und Fensterverriegelung noch zu erkennen sind. Um die Belüftung trotzdem noch zu gewährleisten, wurden an den Fensterecken Lochblechgitter anstelle der Glasscheiben eingesetzt. Ein Problem gab es mit der Feuchtigkeit, da die Blausteinfensterbänke nicht genug Gefälle hatten, um das Wasser abzuleiten. Um das auszubessern, wurden Abdeckbleche mit Gefälle zwischen dem neuen Isolierfenster und dem alten Fenster eingebaut, die man von außen nicht sehen kann.

Die Innenkonstruktion besteht aus Kappendecken, wobei die Kellerdecke zusätzlich durch eine Reihe gusseiserner Stützen getragen wird. Im Obergeschoss wurde die Decke auf sichtbaren Stahlträgern aufgelegt für das in den 1960er Jahren erneuerte Dach.



Vorderhaus Viktoriastr. 72

Vorderhaus. Foto 1996
Das Vorderhaus an der Viktoriastraße und der vordere Seitenflügel haben eine komplette Umnutzung erfahren. Es befinden sich hauptsächlich Wohnungen bzw. Apartments darin und eine Polizeistation, so dass im Inneren nichts mehr von der alten Struktur zu erkennen ist.


Bewertung

Durch die häufigen Umbauten und oft wechselnden Besitzer bis hin zur Aufteilung des Grundstückes auf verschiedene Eigentümer ist ein denkmalpflegerisches Gesamtkonzept nicht erkennbar. Es sind einige Vorgaben von Seiten der Denkmalbehörde gemacht worden, mit dem Versuch, so viel wie möglich von der historischen Substanz zu erhalten. Aber es sind auch viele Zugeständnisse erfolgt.


Literatur

• Bruckner, Clemens: Aachen uns eine Tuchindustrie, 1949
• Gilson, Norbert: Zu Fuß durch Aachens Industriegeschichte, Aachen 1997
• Huyskens, Albert: Deutschlands Städtebau, Aachen Berlin 1925
• Rouette, Hans-Karl: Aachener Textil-Geschichte(n), Aachen 1992
• Ruhnau, Peter: Das Frankenberger Viertel in Aachen, Köln 1976



Quellen

Stadt Aachen, Bauaufsichtsamt

• Bauakte 2132 Nr. 72, Band 1, 1890 – 1933
• Bauakte 2132 Nr. 72, Band 2, 1935 – 1936
• Bauakte 2132 Nr. 72, 1945 – 1965
• Bauakte 2132 Nr. 72, 1982 – 1989